Vorches (19.8.1995)

Niemand anderes als Vorches hätte zum Bibliothekar dieser gigantischen Bibliothek ernannt werden können. Ferdinand Henri Vorches, wie er mit vollem Namen hieß, war der einzige, der dem Chaos und der Anarchie Einhalt bieten konnte, die sich unter den vieltausenden von Büchern in dieser Bibliothek breit gemacht hatten.

Zufrieden nahm Vorches seine Ernennungsurkunde aus den Händen des lokalen Beamten des Grafen von Cliffred entgegen. Für drei Jahre war er jetzt Bibliothekar der gräflichen Bibliothek. Bisher hatte er die Bibliothek vielleicht ein- oder zweimal flüchtig gesehen, nachdem er sich auf die Stelle beworben hatte. Ihr Umfang war sagenumworben, und die Bevölkerung der Dörfer der Grafschaft und selbst der entfernteren freien Städte gab die Gerüchte über die Bibliothek nur unter der Hand weiter. Trotzdem wußte jeder davon: Manche munkelten über die unnatürlich hohen Geldsummen, die der Graf von Cliffred für die Erhaltung und Erweiterung der Bibliothek ausgebe. Andere sprachen von den mehrstöckigen Kellergewölben, die eher einem Bergwerk als einer Bibliothek gleichen würden. Und dann gab es natürlich auch die bösen Gerüchte, daß der Graf Analphabet sei und noch kein einziges der vielen tausend Bücher gelesen habe. Ja, daß er diese gigantische Bibliothek einzig und allein geschaffen habe, um ein Gefängnis für die ihm verhaßten Bücher - für alle Bücher - zu besitzen.

Vorches nahm die meisten der Gerüchte nicht weiter ernst. Er kam aus einer der weiter entfernten Städte, näher der Hauptstadt, und weilte noch nicht lange in Cliffred. Er war Städter, noch dazu ein gut ausgebildeter, und er konnte sich nicht vorstellen, daß ein Graf heutzutage nicht lesen könne.

Ferdinand Henri Vorches war ein moderner Mensch, der sich voll und ganz der Rationalität verschrieben hatte. Vorches war in seiner Heimatstadt zum Bibliothekar ausgebildet worden. Er war mehrmals in der Hauptstadt gewesen und hatte dabei unter anderem auch das Archiv der Nationalbibliothek besichtigt. Bewundernd stand er dort vor den Errungenschaften der Neuzeit, vor den riesigen Archivschränken, vor den standardisierten Karteikarten mit einer einheitlichen Numerierung. Innerhalb weniger Minuten konnte jedes gewünschte Buch aufgefunden werden. Es gab riesige Querverweise, so daß jedes Buch nicht nur nach dem Autor, sondern auch nach dem Titel, dem Sachgebiet oder gar nach Schlagworten gefunden werden konnte.

Als ausgebildeter Bibliothekar durfte Vorches selbst diese Manufaktur der Wissenschaft benutzen und das System war tatsächlich überaus einfach zu bedienen, wie Vorches zu seinem Vergnügen herausfand. Er wußte damals nicht recht, nach welchem Buch er suchen sollte. Er las nicht viel, und was er las, war vor allem Fachliteratur. Er hatte sogar die >>Fortlaufenden Nachrichten der Archivgesellschaft<< abonniert. So versuchte er schließlich, anhand des Sachgebietregisters nach weiteren Schriften zu seinem Fachgebiet zu fahnden. Leider kannte er die meisten der Publikationen schon; nur zwei neue Bände waren darunter. Der eine war von einem Italiener, einem gewissen U. Echo und bezog sich auf das Bibliothekswesen im Mittelalter - ein Thema, daß Vorches höchstens kursorisch interessierte. Der andere Band war ein Bericht über die Bibliothek des Grafen von Cliffred.

Vorches hatte dann diesen einen Band in den Räumen der Nationalbibliothek anhand von Nummer und Erscheinungsjahr tatsächlich lokalisieren können. Beim Durchblättern stellte sich heraus, daß das Buch hauptsächlich über die Errungenschaften der gräflichen Familie von Cliffred berichtete und über die Heldentaten der Cliffredschen Ahnen. Nur ein kurzer Abschnitt, vielleicht zehn Seiten, berichtete unter der Überschrift "Eine Bibliothek von Babel" über die gigantischen Büchermengen in der Bibliothek des Grafen.

Von diesem gewiss überzogenen Loblied auf die Vielfalt und Vielzahl der Bücher war Vorches jedoch so fasziniert, daß er sich auf gutes Glück beim Grafen von Cliffred als Bibliothekar bewarb. Als moderner Rationalist bezog sich die Faszination Vorches' ganz und gar auf die in dem Artikel beschriebene chaotische Situation, der niemand jemals her werden konnte und wollte. Darin sah er eine Herausforderung für sein ordnendes Talent. Jeder andere wäre wahrscheinlich von der inhaltlichen Vielfalt der Bücher Cliffreds angezogen gewesen, von einem gewissen bibliophilen etwas, nicht jedoch F. H. Vorches.

Der Graf schien über seine Bewerbung höchst erfreut gewesen zu sein, jedenfalls erhielt er relativ bald die Nachricht, daß ein Vorstellungsgespräch gewünscht sei, in einem der gräflichen Verwaltungsgebäude, eventuell auch mit einer kurzen Besichtigung der Bibliothek.

Nun war Vorches also Bibliothekar des Grafen, den er im übrigen noch nicht einmal zu Gesicht bekommen hatte, und machte sich Gedanken über das weitere Vorgehen. Die Bibliothek - sein Reich - war tatsächlich in den Kellergewölben des gräflichen Anwesens untergebracht. In der Länge und Breite dehnte sie sich über gut eine viertel Meile aus, in die Tiefe waren es mindestens drei Stockwerke. Es war möglich, daß es darunter noch weitere Etagen gab, doch bisher war Vorches noch nicht soweit vorgedrungen. Jedes der bisher vorgefundenen Stockwerke glich dem gleichen Schema. Ein gigantischer rechteckiger Raum war durch parallel laufende Regale (Vorches hatte hundertsechs gezählt) unterteilt. Die Regale waren versetzt und grenzten mit einem Ende jeweils an eine Seitenwand, so daß der Durchgang von einem Ende des Raumes zum anderen Ende nur möglich war, indem sich der Weg entlang aller Regale erstreckte. Die Regale reichten vom Boden bis zur Decke und waren wohl in das Gestein gehauen worden, als die Räume dieser Bibliothek angelegt wurden.

Erfreulicherweise gab es auf beiden Seiten des großen Raumes jeweils Treppenhäuser, so daß es nicht notwendig war, jedesmal den ganzen Raum zu durchqueren, um von einem Stockwerk ins andere zu gelangen. Vorches war sehr erfreut über diese Tatsache, die der Bibliothek viel von den dunklen labyrinthischen Vorstellungen nahm, die er sich anfangs gemacht hatte.

Nachdem er sich ein Bild von den räumlichen Gegebenheiten gemacht hatte, versuchte er, herauszufinden, nach welchen Prinzipien die Bücher geordnet waren - ob es überhaupt Prinzipien gab. Auf den ersten Blick ergab die Bibliothek tatsächlich nur Chaos. Bücher jeder Größe und jeden Alters standen nebeneinander, von der verschiedensten Autoren. Auch die Titel der Bücher waren anscheinend nicht ausschlaggebend.

Er wollte schon verzweifelt nach draußen gehen, um seine Kündigung einzureichen, sah dann aber, daß jeweils das erste Buch in jedem Regal durch den gleichen Umschlag auffiel. Und als er sich diese ersten Bücher näher ansah, konnte er auch das Ordnungsprinzip erkennen. Sein anfangs erleichtertes Aufatmen wich dann einer Vorstellung von blankem Horror. Es gab ein Ordnungssystem, das allem Anschein nach vom Grafen selbst entworfen wurde. Wollte er hier Bibliothekar bleiben, so mußte er wohl oder übel dieses System beibehalten. Aber was für ein System war das! Er eilte ganz an den Anfang der Bibliothek und ging dann die ersten Bücher der ersten paar Regale durch. Jeder Katalog war mit einer kunstvoll ausgeführten Überschrift angefangen:

Was war das für eine Ordnung! Im Regal "Neue Bücher, die von Büchern handeln", fand er dann folgerichtig auch ein Buch mit dem Titel "Die essayistische Methode, eine Bibliothek zu führen". Das Buch war in Handschrift verfasst. Vorches besah sich die Titelseite - der Autor war der Graf von Cliffred, oder vielleicht auch einer seiner Vorfahren.

Zitternd blätterte er hastig durch das Werk. Es gab weder ein Inhaltsverzeichnis noch ein Register, so daß er wohl oder übel anfangen mußte, in dem Buch zu lesen. Schauder jagten ihm über den Rücken, und sie wurden nicht von der Kälte des Steinbodens erzeugt. Detailliert hatte der Graf beschrieben, wie seine Bibliothek geordnet werden mußte. Jedes neu angeschaffte Buch solle vom Bibliothekar (Vorches schloß aus dem Alter der Handschrift, daß er nicht der erste war) gelesen werden. Danach mußte für jede der eintausendsechzig Kategorien (es gab also zehn Stockwerke!) entschieden werden, ob dieses Buch hineinpaßte. Und für jede passende Kategorie mußte ein Exemplar geordert werden. Das schlimmste aber war das auf diese Beschreibungen folgende Kapitel: Anscheinend waren die Bücher in den Regalen alphabetisch nach ihren Anfangssätzen geordnet ...

"Gut, daß ich sie finde!" Das war die helle Stimme eines der Botenjungen. Vorches schaute erschöpft auf.

"Der Graf hat soeben eine neue Lieferung von Büchern erhalten. Die Kisten stehen noch oben. Er möchte, daß sie diese möglichst schnell einordnen. Und dann gibt es hier noch ein Schreiben"

Vorches unterbrach den Botenjungen. "Ein Schreiben? Von wem?"

"Ein Schreiben des Grafen. Lassen sie mich ausreden. Er sucht ein Buch aus der Kategorie "Glücklicher Ausgang nach Liebesgeschichte", das er noch nicht gelesen hat, und in dem eine Liebschaft einer reichen Frau mit einem russischen Dichter vorkommt. Vielleicht sollten sie zuerst ein solches Buch suchen. Der Graf möchte es nach dem Essen lesen. Und wie gesagt, die Kisten ... Soll ich sie herunterbringen?"

Erschrocken wich der Botenjunge zurück, als Vorches aufstand und unter Tränen an einem der Regale rüttelte. Sein Vertrag war auf drei Jahre festgeschrieben, und seine Stelle war unkündbar ...

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