Verträumte Häuser, zerfressene Wände, Moos und Rost (14.9.1995)

Am Rand der Stadt, dort, wo ein Schritt reicht, um der Stadt, der großen Stadt, zu entkommen und im Wald zu sein, am Berghang, in der freien Landschaft - und dort, wo doch der nächste Schritt einen wieder zu einem Haus, einer alten Villa etwas führen konnte, im Wald verborgen - dort also, wo die Stadt mit dem Wald verschwamm und sich auflöste, dort fängt diese Geschichte an. Geschichten, die am Stadtrand spielen, sind häufig seltsam verwunschene Geschichten, halbe Tagträume, halb noch Wirklichkeit und doch halb schon im Märchenwald. Eine solche Geschichte ist auch diese.

Vielleicht ist es wirklich das letzte Haus dieser Stadt, dieses Haus. Die alte, heruntergekommene Villa im Wald, im Park, im verwilderten Garten. Wer durch das knarrende schmiedeeiserne Tor hindurchtritt, daß an die Zeiten ungetümlicher Eisenbahnen erinnert, an einen plötzlich neu erwachsenen Wohlstand, wer dann weiter den kleinen gewundenen Weg verfolgt, wird plötzlich die mächtig gewordenen Bäume hinter sich lassen und vor dem Haus stehen. Die Wände sind noch immer gelb verputzt, der Eingang findet sich an einer hochgeschwungenen säulengeschmückten Freitreppe, überschwungen von einem Balkon mit einem steinernen Geländer, das in ein Rosengebüsch verwandelt wurde. Rechts schmiegt sich ein Wintergarten oder ein Gewächshaus an die Villa, der Stahl rostig, die Scheiben teilweise gesprungen, ein kleiner Kristallpalast. Gesprungen sind auch einige der Fenster, andere Fensterhöhlen sind leer. Aus den Augenwinkeln kann einer manchmal noch den Hauch einer Gardine, eines Vorhangs erhaschen, wütend und zerzaust am Fenster flimmernd, gepeinigt vom Wetter, das durchs offene Fenster, wohl auch durchs Dach in das Haus dringt.

Die alte Villa ist schon seit vielen Jahren vergessen, nicht mehr bewohnt. Hier am Rand der Stadt, wo nicht Stadt und Vorstadt nahtlos ineinander übergehen, hier schläft auch die Obrigkeit den dämmrigen Halbschlaf der zeitlosen von der Zeit gezeichneten Orte. Auf den Stadtplänen existiert die alte Villa nicht mehr, der Grund und Boden gehört der Stadt, ist Stadtwald. Zu dicht sind nun wohl die Tannen und Bäume des Vergessens gewordenen, die hinter den wehrhaften Lanzen des hohen Gartenzauns eine schweigende Mauer bilden.

Gibt es dieses Haus wirklich? Wir wissen es nicht, und wenn wir es wüßten, würde es die alte Villa nicht geben. Existieren kann sie nur im halbdunkel fremder Träume, zuviel Licht würde ihre Mauern schon längst zum Einsturz gebracht haben. Betreten werden darf dieses Haus nur von Wesen, die ebenso in diesem verschwommenen Zwischenland existieren, von Unsichtbaren und Geistern, Hexen und Verwunschenen. Und nur diese werden auch tun, was sie dürfen, werden sich einfinden in den alten Gemäuern, an verborgenen Stellen längst von der Natur zurückerobert, von Schlingpflanzen, Gras und wohl auch der einen oder anderen Birke überwuchert.

Was aber wäre, wenn ein Kind, ein junger Mensch - vielleicht auch zwei?, wenn diese also an einem sorglosen Tag mit drohenden Regenwolken beschliessen, einen Spaziergang zu tun, die Stadt zu erkunden, plötzlich feststellen, sich verlaufen zu haben, in immer neue Gebiete zu kommen, dann irgendwann die alten Stadtviertel dicht am Wald zu erreichen, in Samt schlafend seit Jahrhunderten? Wenn die beiden am Ende der Stadt stehen, sich vielleicht küssen, verträumt in den Wald sehen, hinausgehen, hineingehen? Vom Weg abkommen, eine Mauer finden, diese übersteigen mit der Hilfe eines der mächtigen Bäume, einst als Nußbaum willkommen, jetzt die Äste über die umfriedende Mauer streckend, sie hereinlockend in den wilden Garten, verwunschen seit Zeiten? Wenn diese sich liebenden nun plötzlich vor dem alten Haus stehen? Hineingehen, beim überschreiten der Schwellen selber unsterblich werden, Gefangene in der Ewigkeit, glückliche Schatten?

Dann bleibt nur ein Wunsch: Daß ihre Geschichte in einer Flaschenpost uns erreichen möchte, keinen Hinweis auf den zerbrechlichen Seifenblasentraum der alten Villa gebend, nur lodernd ansteckende Zeichen des Glückes in halb eingeschlafene Gesichter malend.

ENDE

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