"... will be the last we know." Das war das Signal, und mit einem langerwarteten Sprung machte er das Radio aus. Sofort endeten die stampfenden Rhythmen dieses nicht ganz so populären und selten gespielten BoneMetal-Songs, und die plötzliche Stille tauchte alles in ein ganz anderes Licht. Das Lied war das Signal dafür, daß es klappen würde. So hatten sie es ausgemacht. Er mußte jetzt nur noch abwarten, bis die Dunkelheit heraufgezogen war, um dann loszuschlagen.
"... the last we know." Er war nicht der einzige. Im ganzen Bundesgebiet hatten über fünftausend Mitglieder ihrer Organisation diesen Nachmittag immer mit einem Ohr am Radio verbracht. Und beim Einbruch der Dunkelheit würde es losgehen.
Es gab keine Telekommunikationsspuren, keine Fußstapfen im Datennetz. Seit über einem Jahr hatten sie keinen Kontakt mehr miteinander aufgenommen, um allen Ruhe und Sicherheit vorzutäuschen. Das gehörte ebenso zum Plan dazu wie die Tatsache, daß es keine feste Organisationsform gab, keine Struktur, die irgendwen auf sie hätte aufmerksam machen können. Und das Signal war kompliziert genug, um niemanden mißtrauisch zu machen, und trotzdem jeden Fehlalarm zu verhindern. Jetzt konnte sie keiner mehr aufhalten. Es galt nur noch, auf die Dämmerung zu warten.
"... the last we know." Natürlich war es Neumond. Es war Neumond, weil sie ihren Plan nur bei kompletter Dunkelheit umsetzen konnten. Sie war sich dieser Tatsache so sicher wie der Schritte, die nun folgen mußten. Lange, im geheimen geübte Bewegungsfolgen liefen ein letztes Mal durch ihre Nervenbahnen. Jedes der notwendigen Werkzeuge war griffbereit.
Wenn alles klappte, würde am nächsten Morgen jeder im Bundesgebiet die Ergebnisse ihrer Aktion zu fühlen bekommen. Irgendwie war es schon schade, daß es für immer in der Dunkelheit verborgen bleiben würde, daß sie es waren. Aber das Ziel würde die Mittel völlig unwichtig erscheinen lassen. Und ihre persönliche Eitelkeit erst recht.
Auch während der Aktion würde sie ganz auf sich gestellt vorgehen. Es machte nichts aus, wenn nicht alle von ihnen Erfolg haben würden. Auch das war im Plan vorgesehen. Selbst wenn nur die Hälfte durchkommen würde, wären die Ergebnisse immer noch überaus eindrucksvoll. Sie war sich sicher.
"... the last we know." Es gab keinen Zweifel. Das war das Signal. In Gedanken ging er nochmal den Vorgang durch: Unauffällig zum Verteilerkasten. Seine Füße kannten den Weg dorthin auswendig. Hatten ihn im letzten Jahr auswendig gelernt. Dort im Schutz der Dunkelheit die kleine Schaltung anbringen. Eine Stunde später würde es losgehen.
Sie würden nicht alle das gleiche tun. Soviel wußte er. Das Ziel war das selbe - die Zivilisation lahmlegen. Etwa fünftausend Anschläge auf die lebenswichtige Infrastruktur in ihren verschiedenen Ausprägungen. Einige gewollte Folgen davon. Von der Zivilisation würde nicht viel übrigbleiben. Endlich würde die Natur wieder zu ihrem Recht kommen.
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"... the last we know. Das war das Signal, über das die erst jetzt in ihrer vollen Geltung ans Licht gekommene Geheimorganisation miteinander kommunizierte." Der Sprecher der 20-Uhr-Nachrichten räusperte sich. "Wie viele Mitglieder diese namenlose Organisation hatte, ist bisher nicht bekannt. Nur dank Hinweisen aus informierten Kreisen wurde der geplante Anschlag vereitelt, konnten die Attentäter rechtzeitig festgenommen werden. In Nordbayern und im Emsland kam es kurzfristig zu Störungen des Telefonnetzes."
Jetzt wurde ein Regierungssprecher eingeblendet. "Diese Terrororganisation hatte vor, unser Land zu zerstören. Nur das rechtzeitige Eingreifen der Sicherheitsorgane konnte schlimmeres verhindern. Das Kabinett ist zu einer Krisensitzung zusammengekommen. Der Kanzler erwägt, zum Schutze der Sicherheit unseres Landes Notstandsgesetze in Kraft zu setzen. Wir können uns nicht sicher sein, ob schon alle Mitglieder dieses terroristischen Netzwerks ausfindig gemacht werden konnten! Darum ist äußerste Vorsicht geboten. Trotzdem bitte ich Sie persönlich darum, die Ruhe zu bewahren. Wir haben zu ihrem Schutz außerplanmäßige Polizeitruppen in allen Großstädten installiert."
Die Bilder zu diesem Text zeigten jetzt undeutliche Aufnahmen von in Kopf bis Fuß schwarz gekleideten, gepanzerten Polizisten in Streifenwagen, im Laufschritt und in Hubschraubern über dem Brandenburger Tor. Schnitt. Die Kamera fuhr eine lange Reihe gefesselte Menschen entlang. Zoomte näher an einige heran. Offensichtlich AttentäterInnen. Es war nicht zu erkennen, was dieses jetzt durch den Kopf ging.
'Näheres in einer Sondersendung um 20.15. Bleiben Sie am Apparat!'
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Niemand hatte etwas von der Existenz dieser schwarzgekleideten Sondertruppe geahnt, die jetzt im Fernsehen vorgeführt wurden. Viele glaubten den Fernsehbildern. Anderen wurde übel. Harmlose Menschen, die jahrelang ihre Nachbarn gewesen waren, waren gegen achtzehn Uhr von Polizisten aus dem Haus, aus der Wohnung gezerrt worden. Ohne Ankündigung wurden die Türen eingetreten. Auf Fragen gaben die Polizisten keine Antwort. Ganz in schwarz. Mit verspiegelten Helmen und einer Ritterrüstung aus Plastik.
Ob das mit dem terroristischen Anschlag wirklich stimmte? Störungen des Telefonnetzes, hieß es in den Nachrichten - das klang nicht nach Terrorismus. Oder etwa doch? Was hatten diese Menschen tatsächlich geplant gehabt? Und wie war es bekannt geworden?
Gegen 21 Uhr kam es in einigen größeren Städten zu spontanen Solidaritätsdemonstrationen. Die neuen schwarzen Polizeikräfte lösten jede Demonstration sofort gewalttätig auf. "Notstandsgesetze" war das einzige, was sie zur Begründung sagten. Rechtsstaat? Demokratie? Ob die brennenden Autos tatsächlich von Autonomen angezündet wurden? Das vermochte nachher niemand mehr so genau auseinanderzuhalten.
Inzwischen sendeten alle Sender live aus dem Konferenzzimmer des Kanzlers. Gleichschaltung der Medien? Anscheinend. Später sollte herauskommen, daß diese Sondersendungen von den Sendeanstalten nicht ganz freiwillig in die Programme genommen wurden.
Der Kanzler war wie immer belanglos. Diesmal sah er zusätzlich besorgt und übermüdet aus. Neben ihm ein Mitglied der Polizeitruppe.
"Bis zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und bis zum Abschluß der Überprüfung sämtlicher Verdächtiger müssen wir leider zu einigen Schutzmaßnahmen greifen. Bitte haben Sie dafür Verständnis."
Die "Schutzmaßnahmen" beinhalteten das Abschalten aller Telefonnetze, die Abriegelung der Grenzen - eine Ausreise, oder "Flucht" sollte den "möglichen Terroristen" nicht gelingen. "Das Signal kam über die Medien, wie wir alle wissen" - deswegen wurden diese vorsorglich unter staatliche Kontrolle gestellt. Und um "Ruhe und Ordnung zu bewahren", mußten natürlich sämtliche Berichte vor der Veröffentlichung oder Aussendung geprüft werden.
Mitglieder der schwarz gekleideten Polizei erschienen nun neben allen öffentlichen Personen. Offiziell zum Schutz vor Anschlägen - inoffiziell war zu hören, daß einige dieser öffentlichen Personen der Mittäterschaft und möglicherweise "schädlichen Handlungen" verdächtigt wurden - etwa die grüne Oberbürgermeisterin von Freiburg.
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Im Zusammenhang mit den Aprilattentaten gab es im darauffolgenden Monat über hunderttausend Verhaftungen. Die normalen Gefängnisse reichten natürlich nicht aus, um die Verdächtigen festzuhalten. Glücklicherweise war die Bundeswehr in der Lage, schnell einige provisorische Gefangenencamps zu errichten.
Im Ausland gab es zu dieser Zeit bereits Gerüchte, daß die Organisation, die hinter den Aprilattentaten stand, vom deutschen Verfassungsschutz gegründet und aufgebaut worden war. Und daß die schwarze, geheime Polizeieinheit im Innenministerium genehmigt worden war, weil der nicht- öffentliche ausführliche Verfassungsschutzbericht als größte Gefahr diese terroristische Organisation nannte, die im öffentlichen Teil "aus Geheimhaltungsgründen" nicht auftauchte.
Diese Verdächtigungen und Gerüchte wurden auch von ausländischen Satellitensendern verbreitet. Was prompt ein temporäres Verbot des Empfangs ausländischer Satellitenprogramme zur Folge hatte.
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Natürlich wurden die meisten Verdächtigten bald wieder freigelassen. Etwa zwanzigtausend Menschen wurden "überführt" und zu lebenslangen Haftstraften verurteilt. In extra dafür gebauten Sondergefängnissen. Die Freiheit der Berichterstattung und auch die Reisefreiheit wurde - bei strengen Kontrollen - wiederhergestellt.
Um ähnliche Geschehnisse in Zukunft zu verhindern, blieb die schwarze Polizeitruppe mit weitreichenden Vollmachten zum Schutz öffentlicher Plätze und Personen ausgestattet. Die Überwachung von Wohnungen und Personengruppen wurde erleichtert. Der Bundestag war froh darüber, überhaupt wieder tagen zu dürfen und stimmte diesen Regelungen fast einstimmig zu. Hieß es in den Medien.
Die Bundestagswahl etwas später im Jahr gewann dann die Deutsche Union. Aber das ist ja inzwischen bekannt.
ENDE
(c) 2.1.1998, till_westermayer@fr.maus.de, K+
(Ich bin selbst etwas erstaunt, was aus dieser Geschichte geworden ist. Und auf Kommentare gespannt.)
© 1998 Till Westermayer. Stand: 9.1.1999. Automatisch konvertiert durch html.exe. Kommentare, Beschwerden und Nachfragen bitte an Till We richten - Danke!