Was vor langen Zeiten einmal der "blaue Planet" gewesen war, glich jetzt einer Wüste. Jedenfalls, soweit das von hier aus zu sehen war. Eine Mischung aus grau, gelb und orangerot. Ein schauerlicher Anblick, doch hier oben hatten sie sich daran gewöhnt. Ein kleiner Ausgleich für die Wüste Erde war "hier oben", der Mond, begrünt und bewohnt, seit vielen Jahrzehnten der neue Lebensraum der Menschheit. Oder vielmehr des kleinen Teils der Menschheit, der überlebt hatte. Hier oben. Im neuen Mittelalter.
Johannes der Hacker tat das, was seine Aufgabe war. Er saß vor einem der Bildschirme des Atmosphärenkontrollzentrums und beobachtete die Werte. Heute stimmten alle Werte, sein Arbeitstag würde also, wenn nichts dazwischen kam, geruhsam verlaufen. Keine Notfälle, keine plötzlichen Druckabfälle, keine giftigen Emissionen, die die Hinzuschaltung der Notsauerstoffgeneratoren notwendig machen würde. Johannes der Hacker war Mitglied der Zunft der Luftmeister, und wöchentlich wechselte er seinen Arbeitsplatz mit einem anderen Luftmeister. Er erinnerte sich noch gut an den Tag, als er in die Zunft aufgenommen wurde, und ebenso an den Tag, als er nach fünf Jahren Lehrzeit vom Luftgesellen zum Luftmeister geworden war und zum ersten Mal alleine an die Bildschirme durfte. Johannes der Hacker war ein Mondgeborener. Nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung kannte die Erde noch aus eigenem Erleben.
Auf den Bildschirmen der Luftüberwachung war auch eine schematisierte Karte der von hier überwachten Mondsiedlung zu sehen. Der Trabant war mit einer künstlichen Atmosphäre versehen worden, Meere hatten sie angelegt, und an etwa fünfzig Stellen Siedlungen gegründet. Von hier aus überwachten sie die Luftqualität der Siedlung XXIV - oder, die Nummer war schon fast vergessen, Steinen an dem Tale, wie die meisten sie nannten. Hier in Steinen an dem Tale war die Luftüberwachung keine besonders schwierige Aufgabe. Als dunkle Punkte zeichneten sich die Emissionsquellen der einzelnen Gebäude ab, ab das waren meist nur kleine Wasserstoffbrennstellen, die Wasserdampf und ab und zu etwas Ruß abgaben. Problematischer war ein beständiger großer dunkler Fleck am Bildrand: Die Bildschirmmanufaktur.
Die Bildschirmmanufaktur war ein Artifakt, ein Überbleibsel aus der Zeit der ersten Besiedelung. Sie war Glück und Unglück der Menschen von Steinen an dem Tale; Glück, weil die hier automatisch produzierten Bildschirme gut an die anderen Siedlungen verkauft werden konnten, schlecht, weil zwar einige Steinener hier ihre Aufgabe gefunden hatten, als Manufakturmeister oder Manufakturgeselle, weil aber niemand wußte, was eigentlich genau vor sich ging, wenn die Vorratsbehälter ordnungsgemäß gefüllt waren und die Produktion ausgelöst wurde. Schlecht war dieses Artifakt, das die Steinener mit gehörigem Mißtrauen und einiger Angst betrachteten, aber auch, weil es auf dem Bildschirm von Johannes dem Hacker und den anderen Luftmeistern immer wieder als schwarzer Fleck auftauchte, weil Ruß und andere Stoffe die Umgebung dieser magischen Manufaktur vergifteten.
Artifakte waren auch viele andere Dinge in Steinen an dem Tale, von den Notsauerstoffaggregaten über die Kläranlage bis hin zu den leuchtenden Steinen. Rings um Steinen an dem Tale waren zwölf markante silberne Steine (oder eigentlich massive Metallpfeiler) angeordnet, deren Spitzen pulsierend glühten. Die Steinener wußten nur, daß sich von diesen Steinen aus die Stromleitungen herzogen, und auch die Leitungsrohre für die häuslichen Heizungen und Feuerstellen.
Natürlich waren die Steinener gebildet: Sie konnten schreiben und lesen, zumindest die meisten von ihnen, und einige beherrschten auch den Umgang mit den Bildschirmen, konnten damit Nachrichten an die anderen Siedlungen verschicken oder wie Johannes der Hacker die Luftqualität kontrollieren. Doch an die Bildschirme durfte nur, wer einer Zunft angehörte, die lehrte, wie mit Bildschirmen umzugehen ist. Die meisten Steinener waren Bauern, die Felder und Weiden lagen rings um Steinen an dem Tale herum. Einige lebten auch von der Fischzucht im großen Kratersee, dem Tale, das Steinen den Namen gegeben hatte. Und wieder andere waren Händler, die mit den großen federleichten Handkarren zu anderen Siedlungen zogen und dort Bildschirme, Karotten und Forellen gegen Leuchtlampen, Leinen und %Ouml;l tauschten.
Andere wiederum, wie Annalena die Alte, hatten noch die Flucht von der brennenden Erde miterlebt, und die Urbarmachung des Mondes. Sie wurde in Steinen an dem Tale geliebt und gefürchtet, war die Alte Weise, die, wenn ihre Kräfte sie nicht im Stich ließen, die alten Mythen deuten konnte. Gefürchtet war sie ihrer wunderlichen Geschichten wegen und der Begriffe, die viele nicht mehr verstanden. Das unverständliche Gebrabbel der Alten eben.
An etwa fünfzig Stellen auf dem Mond gab es Siedlungen wie Steinen an dem Tale, manche kleiner, manche größer, einige konnten Bildschirme herstellen, andere Leuchtlampen und wieder andere Feuerstellen. Zwischen den Siedlungen gab es Handelswege und teilweise konnten die Textdeuter auch Nachrichten zwischen den Siedlungen hin und herschicken. Die Zünfte hatten in jeder Siedlung ihre gewählten Vögte, die Bauern stimmten zusammen im Landerat ab und wählen ebenfalls ihre drei Sprecher. Zunftvögte und Bauernsprecher bestimmten über die Ordnung in den Siedlungen, über den Bau neuer Häuser, die Aufnahme der Jugendlichen in die Zünfte, sie richteten und rechneten. In den langen Mondnächten wurde der Tagesablauf von den Himmelslichtern bestimmt, an den Mondtagen war es lange hell.
Die Menschen in den Siedlungen glaubten an die unglücksbringende feuerversengte Erde und wendeten sich ab, wenn der graurote Planet aufging. Sie kannten die alten Mythen und Märchen, und gaben diese weiter. Sie hatten auch von den unermesslichen Wissensschätzen der alten Erde gehört, die noch immer durch die Bildschirme der Textdeuter geisterten. Aber zuviel Wissen schadete, daß hatten sie ja gesehen. Und auch die Alten erzählten davon. Also glaubten sie es.
In der einundfünfzigsten Siedlung, in etwa 100 km Höhe über der Mondoberfläche, lebten die Beobachter und sahen ihrem Experiment zu. Es wäre für sie kein Problem gewesen, die Mondbewohner von ihrer Existenz als Götter zu überzeugen, doch sie verzichteten darauf und vernichteten jede Spur, die auf sie hinwies. Hier oben lebten fast ebensoviele Menschen wie auf der Mondoberfläche, allerdings nicht in Zünften und nicht im Mittelalter - und zu einem großen Teil seit Jahrzehnten nicht an der frischen Luft gewesen. Von hier oben steuerten sie die Solarenergienetze, die Flutlichter für die Mondnächte. Von hier kontrollierten sie auch die automatischen Roboterfabriken und die Atmosphärengeneratoren. Und sie überwachten und benutzten die Datennetze, und ab und zu, wenn einer von ihnen einen besonders glücklichen Moment erlebt hatte, dann wurde ein weiteres Stück der Erdarchive auch für die Mondoberfläche freigeschaltet, und die Textdeuter verzweifelten bei dem Versuch, den neugefundenen Text in ihre Sicht der Welt einzubauen.
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