Blätter im Licht (Herbst 1998)

I. Al-Aznir spricht Recht

Al-Aznir, der Magier, der Weise, der Alte - Al-Aznir erhob sich, aus dem Staub, in dem er den Mittag über gesessen hatte, die Zeit damit totschlagend, in das Spiel der Blätter und Sonnenstrahlen zu schauen und zu meditieren - er, der Weise, erhob sich und wand sich dem Volk zu.

,Ich habe nachgedacht. Nun hört mein Urteil."

Die unruhige Menschenmenge, die von einem Räuspern und Tuscheln, von einem Erwarten, von einem hin- und herschwen kendem Kern der Aufregung gekennzeichnet war, wurde mit einem Mal still. All die in Gespräche vertieften Blicke wandten sich nun einem Punkt zu, dem Punkt, an dem der Weise jetzt steht, sich trotz seines Altes mühelos geradehaltend, die Fels wand in seinem Rücken nicht berührend - Al-Aznir, wie er ein Urteil verkündet. Laut und deutlich spricht er.

,Jann, das Kind des Teppichknüpfers und der Weberin - Jann, der mit seinen Eltern vor vielen Jahren aus Defnapur zu uns gekommen ist - Jann hat sich schuldig gemacht."

Empörung, Buhrufe. Die Menge tobt. Doch kaum setzt der Weise zum nächsten Satz an, ist sie wieder ruhig. Diesmal fällt es der Menge deutlicher schwerer, still zu sein, die Erregung zu unterdrücken. Jann - der einzige, der mit einer Geste die ganze Ziegenherde zur Ruhe bringen konnte, - der Schönste, mit seinen lockigen Wuschelhaaren, mit seinen dunklen Augen, daran dachten jetzt einige insgeheim, - Jann, Liebling des Dorfes - war schuldig?

,Axiva, die Tochter des Prinzen von Kainap, die hier, in Kainap das Licht der Welt erblickte - Axiva hat sich allerdings ebenfalls schuldig gemacht."

Wenn die Menge vorher tobte, so war sie jetzt ein brodelnder Vulkan. Zwischen Jann und Axiva hatte es etwas gegeben, das wußten inzwischen alle. Liebe, die stärker als die Schranken waren, in die jeder hineingeboren war. Jann, Liebling des Dorfes, Schönster aller Jünglinge, gefiel vielen. Aber war die Tochter des Prinzen nicht unberührbar? Und - wenn sie schon nicht unberührbar war - war sie nicht wenigstens erhaben? Oder, so sie vielleicht doch nicht ganz erhaben war - wie erboste sich der Alte jetzt, etwas derart ungebührliches zu sagen. Die Tochter eines Prinzen konnte nicht schuldig sein. Das wußte jeder. Und wenn es etwas zwischen ihr und dem Liebling des Dorfes, dem besten aller Ziegenhirten, gegeben haben sollte - nun gut, dann war das, so leid er einem auch tat, eben tatsächlich Janns Problem. So war die Welt. Auch der Alte konnte das nicht ändern. Worauf wollte er hinaus? Was sollte das?

,Hört! Beruhigt euch! Hört mir zu!"

Es dauerte eine Weile, bis das Getuschel abebbte und die Menge wieder die Achtung zeigte, die einem Magier entgegenzubringen war.

,Ich habe jetzt zwei Sätze gesagt. Beide haben euch unangenehm berührt. Achtet darauf, jetzt nicht die Fassung ganz zu verlieren. Ich habe lange nachgedacht" - ob die viele Sonne dabei geholfen hat? - ,und ich habe ein Urteil zu verkünden. Jann ist schuldig. Axiva ist schuldig. Beide haben Grenzen übertreten, die ein Kainapi nicht übertreten kann, ohne sich schuldig zu machen."

Murren, aber auch beifälliges Kopfnicken.

,Sühne! Sie sollen büßen!"

,Nicht so stürmisch, da vorne! Recht zu sprechen ist - auch hier in Kainap - noch immer Sache der Weisen, der Magier. Und ich spreche Recht:"

Bevor Al-Aznir zum Hauptteil der Urteilsverkündung kam, machte er eine Kunstpause. Er zögerte das Weitersprechen hinaus, bis wirklich wieder Ruhe in der Menge eingekehrt war. Innere wie äußere Ruhe. Auch hier war nichts mehr wie früher. Achtung vor der Weisheit der Magier! Das war einmal gewesen! Zu seiner Zeit, als er noch jung war ...

,Ich spreche Recht: Die beiden Beschuldigten, die beiden Schuldigen - ihnen würde für das Schlimmste, was ein Kainapi tun kann, für das Überschreiten der ewigen Grenzen, eigentlich eine Strafe gebühren, die dem Verbrechen ebenbürtig ist. Ich möchte hier nicht weit ausholen" - und alle wußten, von welcher Art der Strafe der Weise sprach.

,Vor allem möchte ich hier nicht weit ausholen, nicht in die Details gehen, weil die Zeiten sich geändert haben. Die Zeiten haben sich auch in Kainap geändert."

Irgendjemand vorwitziges wagte es, ,Juhuu!" zu rufen. Der Alte ging nicht darauf ein.

,Deswegen möchte ich von der schlimmsten Art der Strafe absehen. Aber Strafe muß sein, und es muß eine Strafe sein, die der Schuld angemessen ist. Hört: Der Schuldspruch besteht aus zwei Teilen."

Al-Aznir starrte nun in die Menge, ohne die Menge zu sehen, auf ein imaginäres Dokument, von dem er das Urteil ablas.

,Erstens: Jann Defnapuri, Kind des Teppichknüpfers und der Weberin, und Axiva Kainapi, Tochter des Prinzen von Kainap, sind hiermit zu Mann und Frau erklärt."

Ungläubige Stille, eine kurze Pause. Keiner dachte auch nur daran, sich zu regen.

,Zweitens: Binnen zehn Tage hat das Paar Kainap zu verlassen."

Mit einem Zeichen machte Al-Aznir deutlich, daß das alles sei, was er zu sagen haben, und verschwand in seinem Haus. Eine Weile lang standen die Menschen weiterhin reglos auf dem Platz. Schließlich zerrann die Menge langsam, schweigend und geschlagen.

Erst in gebührender Entfernung, so daß der Magier es auf keinen Fall hören konnte, fingen sie an, zu schimpfen. Der Alte hatte den Verstand wohl völlig verloren! Aber er war der Magier, und der Magier sprach Recht. So war es immer gewesen, so würde es immer sein. Daran zweifelte niemand. Al- Aznir würde in die Geschichte Kainaps eingehen, als einer der wirresten Weisen, die Kainap je gesehen hatte. Soviel stand fest.

II. Die Wege der Worte

Manche bedauerten Jann. Manche jammerten darüber, wie es Axiva wohl abseits des Palasts ergehen werde. Alle sprachen über das, was gerade geschehen war, und über das, was nun geschehen würde.

Die Nachricht von diesem seltsamen Urteil verbreitete sich in Kainap schnell. Sie wanderte in die ärmlichen Viertel am Rande der Dorfes, dort, wo das Land gebirgig und karg wurde. Dort erreichte sie den Teppichknüpfer und die Weberin, die das Urteil gelassen aufnahmen. Jann war schon lange mehr zur Last gefallen als hilfreich gewesen, wenn er denn da war, und das war beileibe nicht oft.

Die Nachricht vom Urteil wanderte weiter, zu den dem Dorf tributpflichtigten Höfen, über die Berge hinweg, bis an die Grenzen Kainaps und auch schon darüber hinaus. Man war neugierig, was nun geschehen würde.

Aber auch im zentralen Dorf selbst machte die Nachricht ihren Weg. Ein Vertrauter des Prinzen hatte der Versammlung vom Balkon des Ehrbaren Hauses her zugesehen, und dem Prinzen Bericht erstattet. Dieser zeigte sich - eine, so würden manche meinen, doch erwähnenswerte Parallele - ebenfalls äußerst gelassen. Axiva war seine dritte Tochter, und nicht unbedingt sein liebstes Kind. Der Tochter des Prinzen fehlte es eindeutig - wie sollte man es ausdrücken - am Benehmen, das einer Prinzentochter ebenbürtig war. Im Ehrbaren Haus wurde das klar so gesehen, und niemand würde dort eine andere Meinung äußern.

Insgeheim hatte der Prinz vorgehabt, Axiva mit einem der kleineren Fürsten aus den umliegenden Regentschaften bekanntzumachen, um so den Einfluß Kainaps zu vergrößern und die Ehre (und das Erbe) der Kainapi zu erhöhen. Aber der Prinz war keiner, der nicht gelernt hatte, Dinge loszulassen, wenn das Schicksal ihm dies befahl. Prinzentöchter und Fürsten gab es genug.

Zum Thema des Urteils gesellte sich bald in den Gesprächen in Kainap ein zweites hinzu. Irgendjemand - keiner wollte später noch genau herausfinden, wer es war, jeder sprach davon, daß es ihm selbst gleich aufgefallen sei - brachte die Frage ins Gespräch, wo denn nun eigentlich die beiden Schuldigen gewesen sein, als das Urteil verkündet wurde. Recht zu sprechen, ohne die Schuldigen vor aller Augen mit ihrer Strafe zu konfrontieren - das war erst recht etwas ungewöhnliches. Der Weise, der Magier, der Alte, der Verrückte: seine Pläne durchschaute keiner, und niemandem war er Rechenschaft schuldig.

Und umso heftiger brodelten die Gerüchte, als Jann und Axiva verschwunden blieben, erst die zehn Tage lang, und dann für immer. Nach und nach meinten dann welche, sich genau daran zu erinnern, sie da und dort gesehen zu haben, einzeln, zusammen, immer an entlegenen Stellen, zu seltenen Uhrzeiten, nie im hellen Licht des Mittags. Mit der Zeit wurden Jann und Axiva, Axiva und Jann zu Figuren, die eine Rolle in den Erzählungen spielten, von denen Großeltern den Enkelkindern als einem warnenden Beispiel erzählten (,... und so war es ihr Verderben! Merkt es euch gut, was sich in Kainap erlaubt ist, und was sich schrecklichste Folgen mitbringt! Merkt es euch!"), von denen Etnoch auf dem Dorfplatz in seinen Liedern sang.

III. Im Haus des Magiers

In der Gegend von Kainap war es Sitte, daß der Magier das Recht sprach. Und so war es auch Sitte, daß in seinem Haus die Beschuldigten auf ihr Urteil warteten. Was nur wenige wußten: die meisten der Urteile der Magier entstanden nicht in der Sonne, zwischen den Lichtstrahlen und Schatten, sondern in nächte- und tagelangen Gesprächen, die der Alte mit seinen Gefangenen führte - oder mit seinen Gästen, wie Al-Aznir es lieber ausdrückte.

Kainap ist ein großes Dorf, in dem viele Dinge geschehen, die nicht recht sind. Dennoch gab es viele Tage, an denen das Haus des Magiers leer stand, an denen sich keine Worte im Feuer schein der Fackeln brachen. Und selten waren es mehr als ein oder vielleicht zwei, die zugleich im Haus des Magiers waren.

So war es auch gewesen, als die Büttel heftig an die Tür klopften und zwei Liebende herbeischleppten. Jann und Axiva hatten den Fehler gemacht, zu nah aneinander am Brunnenrand zu sitzen, zu viel miteinander zu sprechen, sich zu sehr in des anderen Augen zu verlieren. Die Büttel hatten es gesehen, und viele andere aufmerksame Blicke ebenso, und jeder Kainapi wußte, daß Liebe zwischen einem Ziegenhirten und der Tochter eines Prinzen etwas war, daß in Kainap nicht geschehen konnte.

Eine Woche lang hatte der Alte die beiden ausgehört, hatte nachgefragt, hatte versucht, herauszufinden, ob es die Locken und Augen Janns und der Reichtum des Prinzen waren. Nach dieser Woche war Al-Aznir überzeugt davon, daß es eine oder einer der beiden ohne die andere, den anderen nicht lange überleben würde.

Eine weitere Woche verging. Im Dorf schlugen die Gerüchte schon hohe Wellen, vergleichbare Fälle wurden herangezogen, wildeste Phantasien machten die Runde. In dieser Woche waren die Gespräche im Haus des Magiers von einer ganz anderen Qualität. Jetzt war es nicht mehr der Alte, der Magier, der Weise, der das Kind des Teppichknüpfers und der Weberin und die Tochter des Prinzen aushörte, jetzt waren es drei Verschwörer, die Möglichkeiten gegeneinander abwogen, Pläne schmiedeten und fallen ließen und dann, am Ende der Woche, nur eine Chance sahen, nur einen Plan, der zwar verrückt klang, aber vielleicht verwirklichbar war, der der Sitte genüge tun würde - zumindest stellte Al-Aznir es so da - und der zugleich das Feuer befriedigen konnte, das in den beiden ungleichen Kindern loderte.

Al-Aznir war das Sprachrohr des Plans, der wirre Weise, der das Urteil sprach. Und er war der Bote, der dabei half, das Axiva und Jann innerhalb von zehn Tagen Kainap verlassen hatten, ohne zugleich einem Leben in Armut gegenüberstehen zu müssen. Und wieder stand das Haus leer, brannten keine Fackeln, tobten keine Gespräche. Jetzt blieb auch Al-Aznir, dem letzten in Kainap, der Jann und Axiva noch gesehen hatte, nur noch eines übrig - den Gerüchten zu lauschen und den Sternen sein Leid zu klagen.


© 1998 Till Westermayer. Stand: 9.1.1999. Automatisch konvertiert durch html.exe. Kommentare, Beschwerden und Nachfragen bitte an Till We richten - Danke!