Chh macht Urlaub (März 2003)

Laues Wetter, sehr lau. Flau. Blau. Grau. Jedenfalls vollkommen unansehnlich.

"Kinder, packt die Badehosen ein! Wir machen einen Ausflug!", gellt es durch die Gänge des heimatlichen Tunnelsystems. Chh und Krr lassen sich so etwas nicht zweimal sagen. In kürzester Zeit schießen sie aus den Seitenhöhlen des Tunnels zum Hauptportal. Ein menschlicher Beobachter hätte wahrscheinlich etwas von behaarten Spinnen gefaselt, hätte er Chh und Krr dabei zugesehen, wie sie kurz vor den langen Fangbeinen des Elternteils abbremsen, um diese zu umklammern. Eine freundliche Geste, ohne Frage, auch wenn das Elternteil jetzt etwas unwirsch nach Krr schnappt. Krr duckt sich, das Elternteil holt aus und stochert in der Luft herum, ohne jedoch Krr zu erwischen. Chh nutzte die Chance, um wild herumzutanzen. Freudig singt sie: "Wir machen Urlaub! Wir machen Urlaub! Ein Ausflug!"

Das Elternteil lässt jetzt ab von Krr, und entrollt den Tmig-Schirm. "Hier: das sieht doch schön aus, oder?" Eine blinkende Laufschrift ‚URLAUBSPARADIES WELTRAUM' wandert um blitzende Sterne und etwas, das wie eine Glaskugel mit Tentakeln wirkt. Krr ist inzwischen auf Chhs Rücken geklettert, um besser sehen zu können. Chh gefällt das überhaupt nicht; mit einem Ruck liegt Krr auf dem Boden. "Kinder, guckt doch lieber mal das Urlaubsparadies an, statt so einen Blödsinn anzustellen!"

"Hier vorne ist das Andockmodule. Dann kommt ein wunderbar durchsichtiges Tunnelsystem, und in der Mitte befindet sich ein freischwebender Pool. Und wenn ihr jetzt schnell eure Siebensachen zusammensucht, dann können wir noch mit dem Nachmittagszug dahinkommen!"

Wenn das Elternteil von Nachmittagszug spricht, meint es damit die vielen hundert großen Gravitationsaufzüge, die wie Stacheln aus dem Pelz des Planeten ragen. Von ferne sieht der Planet jetzt fast so aus wie das Urgroßelternteil, das nur noch sehr wenig Haare hat, die dafür aber umso länger und stachliger sind. Beweglich ist das Urgroßelternteil auch schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr. Es sitzt nur noch still in seiner Höhle herum, hängt am Nahrungsschlauch und schaut ab und zu erschreckt auf, als ob jemand hereintreten würde. Auch wenn das gar nicht der Fall ist.

Das Elternteil möchte jetzt aber nicht an das Urgroßelternteil denken, für dessen Pflege es verantwortlich ist, seit das Großelternteil mit unbekanntem Ziel und ohne eine Wort zu sagen verschwunden ist. Der Tag ist schon grau genug, da ist kein Platz für weitere deprimierende Gedanken.

Chh und Krr sind schon längst wieder in ihren Höhlen verschwunden, stellt das Elternteil fest, als es seinen Augen wieder vom Tmig-Schirm abwendet. Mit zwei der Beine rollt es den Schirm fix wieder zusammen und steckt ihn in die dafür vorgesehene Tasche des Gürtels. Ein Ausflug ins Urlaubsparadies Weltraum möchte gut geplant sein. Das Elternteil denkt kurz darüber nach, was es so alles mitnehmen muss. Die Transporthaken für Krr und Chh. Proviant, es müsste noch was von der Tarnfliegenpastete da sein, die sollte reichen. Badezeug, den im schwerelosen Pool baden, ohne vorher die Tracheen abzudichten, kann sehr unangenehme Folgen haben, bis hin zu einer Drittelohrentzündung! Für Unterhaltung sorgt der Tmig-Schirm, aber der ist eh immer dabei.

So ein kurzer Urlaubsausflug muss aber auch ansonsten gut organisiert sein. Das Elternteil sagt dem Babysitter ab und meldet den Urlaubswunsch an das Zentrale Arbeitscontrolling. Ein Platz im Nachmittagszug sollte vielleicht besser jetzt schon gebucht werden.

Nachdem auch das erledigt ist, kommen Chh und Krr auch schon wieder angerannt. "Muss das wirklich mit?" Das Elternteil deutet auf Krrs Kmmmkk-Puppe, doppelt so groß wie Krr selbst. Krr bricht in lautes Stampfen aus. Die Kmmmkk-Puppe muss mit, na gut. Das Elternteil schnappt sich Chh und Krr und deren Gepäck, hakt die beiden ein, und los geht's: Mit viel Gerenne bis zum Höhlenausgang, ganz am Ende des Tunnelsystems. Das Grau des Tages schimmert hier besonders hässlich. Dann in den Personentransporter, eine Art Horizontal-Fahrstuhl, bis zur Basisstation für den Nachmittagszug ins Urlaubsparadies Weltraum. Bisher alles, ohne jemand anderes zu sehen, fühlen oder hören!

Chh möchte wissen, warum das so ist. Das Elternteil überlegt kurz, und vermutet dann, dass der Arbeitstag daran schuld ist. "Mittags an einem Arbeitstag sind doch fast alle unter der Erde, oder?" Chh findet die Antwort unbefriedigend, schließlich wurde in der Tmik-Schirm-Schule etwas ganz anderes gesagt. Chh kann das noch fast auswendig, und trumpft jetzt damit auf: "Ich weiß viel besser, warum das so ist. Und zwar, weil wir, also jetzt nicht du und ich, sondern wir alle, naturgegeben höchst ungern anderen begegnen. Vor der Erfindung von Tmik-Schirm und Personentransporter muss es ganz schlimm gewesen sein. Da war es nämlich fast nicht möglich, irgendetwas zu tun, ohne anderen zu begegnen! Damals hatten die Leute so lange Fäden und haben daran gezupft. Und …"

Inzwischen sind sie vom Personentransporter wieder ausgespuckt worden, es geht jetzt hinein in die Basisstation. Ein langer Tunnel führt zur Schalterhalle. Das Elternteil rennt, schließlich will es den Nachmittagszug nicht verpassen, und vorher muss noch das Ticket abgeholt werden.

Plötzlich verstummt Chhs Plappern. Da, wo gerade eben noch Chh hing, vor einer Minute oder so, ist jetzt nur noch das eine Ende des Hakens. Das Elternteil ist erstaunt und bleibt stehen? Krr wundert sich und fängt an zu schreien. Die Basisstation ist ein ziemliches Labyrinth aus Tunneln und Gängen, und, schlimmer noch: um zu gewährleisten, das jede Person möglichst unbehelligt von anderen den Nachmittagszug erreicht, öffnen, schließen und verschieben sich die Tunnel automatisch. Ein Lichtbandleitsystem dient dazu, den Weg zu weisen. Chh muss herabgefallen, zurückgeblieben und abgebogen sein. Guter Rat ist jetzt teuer. Krr schreit weiter, und das Elternteil holt den Tmik-Schirm heraus.

Die für die Sicherheit der Basisstation zuständige Person ist kein schöner Anblick: lauter Kinderknospen überall am Körper. Und wortkarg dazu. Außer einem kurzen "Was wollen se?" ist erst mal nichts zu hören. Das Elternteil schildert das Problem, aber die Sicherheitsperson kann auch nicht weiterhelfen: "Wird schon wieder auftauchen."

Das Elternteil bleibt noch einige Minuten stehen. Es überlegt fieberhaft: zurück kann es nicht gehen, die Tunnel funktionieren nur in eine Richtung. Also vorwärts, auch Chh wird nur vorwärts gehen können und irgendwann in der Schalterhalle ankommen. Das Elternteil tätschelt tröstend Krr und macht sich auf den Weg. Innerhalb kurzer Zeit ist es in der Schalterhalle angekommen. Der einzige Ort in der Basisstation, in der keine Trennwände vorhanden sind, nur kleine halbhohe Sitzhöhlen. Dem Elternteil ist es unangenehm, überall hineinzuschauen. Es tut es trotzdem, aber Chh ist nirgendwo zu entdecken. Außer zu Warten, bleibt jetzt nichts zu tun. Auch das Elternteil ist nahe daran, in Geschrei auszubrechen. Krr, immer noch eingehakt und zusätzlich festgehalten, schreit immer noch. Die Kmmmkk-Puppe wird auch ganz besonders gut festgehalten.

Nach einer Stunde verlässt das Elternteil die Schalterhalle, nicht durch den Ausgang zum Nachmittagszug, sondern durch den Ausgang nach draußen. Chh ist immer noch nicht aufgetaucht.

Chh ist mitten im Satz zu Boden gefallen und dann einfach weitergerannt, aber das Elternteil war schneller. Erwachsene sind einfach schneller als Kinder. Trotzdem hat es gar nicht lange gedauert, bis Chh in die Schalterhalle gelangt ist. Auch hier weitergerannt. Da vorne ist das Tor zum Nachmittagszug. Sicher ist das Elternteil schon durchgegangen. Chh hat kein Ticket, aber glücklicherweise ist das Tor für Erwachsene gedacht. Chh kann sich so durchquetschen und huscht schnell in eine leere Sitzhöhle. Die Sitzhöhle schließt sich, überall rundherum ist jetzt nur noch ein fast undurchsichtig schimmerndes Weiß. Chh kann jetzt nicht weiterrennen. Als die Situation klar wird, ist es zu spät. Auch Chh fängt an zu schreien, ist dann aber doch gelangweilt genug, um aufzuhören, verzweifelt zu sein. Und ja eigentlich doch schon ziemlich groß. Also wartet Chh geduldig.

Nach einer Stunde bewegt sich die Sitzhöhle aufwärts. Erst langsam und schräg nach oben, dann immer schneller und ganz gerade in die Höhe. Es ist nicht das erste Mal, dass Chh mit dem Aufzug fährt, aber bisher noch nie alleine. Der Zug wird immer schneller.

Währenddessen ist das Elternteil wieder in das heimatliche Tunnelsystem gelangt. Es hat versucht, dem Urgroßelternteil sein Leid zu klagen, aber dieses reagiert wieder einmal nicht. Auch mit Hilfe des Tmik-Schirms gelingt es dem Elternteil nicht, irgendjemand dazu zu bewegen, nach Chh zu suchen. Fatalismus ist weit verbreitet. Krr ist eingeschlafen.

Der Aufzug hält im Urlaubsparadies Weltraum. Hier war Chh noch nie. Die Badesachen sind in der Tasche, die das Elternteil mitgenommen hatte. Also nichts mit Schwimmen im schwerelosen Pool. Statt dessen sieht Chh zu, wie andere sich in halbtransparenten Kugeln in den Pool stürzen. Eine Weile ist das sehr lustig, vor allem, weil im Hintergrund die Sterne zu sehen sind und auch das Wasser des Pools wie ein Stern leuchtet. Hellblau, rosa, gar nicht grau. Aber Chh ist jetzt doch gelangweilt. Wie wieder zurückkommen? Vielleicht macht sich das Elternteil jetzt Sorgen - hier ist es nämlich nicht. Chh hatte eigentlich gedacht, das Elternteil hier zu finden. Schade.

Schließlich kommt das Elternteil auf die Idee, im Urlaubsparadies Weltraum anzurufen. Es stellt sich schnell heraus, dass tatsächlich eine kleine Person seit einiger Zeit im Urlaubsparadies rumlungert, ungehörigerweise den Gästen beim Baden zuschaut und eher gelangweilt ist. Auch Chh darf kurz mit dem Elternteil sprechen. "Hallo Elternteil! Hier gibt es einen rosafarbenen Stern. Und wieso bist du nicht hier?"

Das Elternteil erklärt, was passiert ist. Dann soll Chh den Tmik-Schirm wieder an die Person zurückgeben, die ihn hergereicht hat. Chh will ungern das Elternteil wieder loslassen, aber gibt den Schirm dann doch zurück.

Mit dem Nachtzug wird Chh dann wieder heruntergelassen und von einer Drone bis zum Eingang des Tunnelsystems gebracht. Das Elternteil schließt alle Arme um Chh. Und auch Krr ist wieder aufgewacht und guckt neugierig, was jetzt schon wieder passiert.

"Und der Stern ist ganz rosa, also das Wasser, meine ich. Gehen wir da morgen wieder hin?"

© 2003 Till Westermayer