»Grwidhidfird hrefde. Hrefde! Grwidh! Agnu tooli. Agnu agnu! Grwidh!«
»Ist ja schon gut. Ich werde nicht schlau daraus, aber ich habe verstanden, dass du was von mir willst. Ich bin übrigens« - und dabei zeigte ich auf mich - »Kim. Und du?«
Jetzt wäre der Moment gewesen, in dem ein »Du Kim, ich E.T.!« hätte kommen müssen, doch das Alien schwieg augenblicklich. Beleidigt, wie es schien. Ich hatte noch nie ein Alien gesehen, war bis vor fünf Minuten wie wohl die meisten meiner Mitmenschen sogar davon überzeugt gewesen, dass es keine Außerirdischen gab, zumindest hier nicht, bis zu dem Moment, als es mich plötzlich von der Seite anquatschte - insofern wusste ich nicht so recht, wie ich sein Verhalten deuten sollte. Seltsam erschien es mir schon, aber eigentlich fehlte mir, um das zu beurteilen, ganz einfach der Vergleichsmaßstab. Drei massive Bein, insgesamt etwa einen Kopf kleiner, eine fast schnabelartige Schnauze, blaugrüne Flecken und irgendein in grellen Farben bedruckter Stofffetzen - war das seltsam oder ein Anzug-und-Krawatte-Angestellten-Äquivalent?
Jetzt blieb mir allerdings keine Zeit, darüber nachzusinnen, denn nur kurz nach diesem Gespräch war ein Geräusch zu hören, dass dem eines herannahenden, plötzlichen Gewitters glich, wie sie diese Gegend im Sommer häufiger heimsuchen. Einen Unterschied gab es: Lauter! Sehr viel lauter, und schneller! Ein paar Minuten später, schon von dichten Regenschauern und heftigen Sturmböen fast zu Boden geworfen, konnte ich dann für einen Augenblick aus den Augenwinkeln noch die gespenstischen Umrisse der vorbeiziehenden Raumstation sehen, die sich dräuend aus dem dunklen Gewitterhimmel abhob, um wie ein plattgewalzter Güterzug weiterzudonnern. Jedenfalls bildete ich mir das ein. Dann war alles vorbei. Stille.
Das Alien stand nicht mehr dort, wo es vorher gestanden war. Es war nirgends zu entdecken. Regen und Sturm hatten sich verzogen, und augenblicklich herrschte wieder das friedlichste Sonntagswetter, so friedlich, wie es sich einer nur vorstellen konnte. Doch etwas erschien mir falsch, und nach einem kurzen Moment der Verwirrung - es war so augenscheinlich, dass ich es einfach nicht wahrhaben wollte - wusste ich auch, was es war: Ich hatte nach diesem finsteren, heftigen Regenguss feuchtgrün schimmernden Wiesen erwartet, die intensiven Farben nasser Hausdächer, kurz, die Schönheit eines ländlichen Ortes nach dem Sommerregen. Aber davon war nichts zu sehen, nichts zu spüren. Statt dessen ringsherum, bis zum Horizont, nur noch eines: Staub. Und in meinen Ohren der Nachhall von etwas, dass wie »Agnu agnu« klang.
Ob es alle erwischt hat, weiß ich nicht. Ich jedenfalls bin zwei Tage lang durch den Staub gewandert, hatte dabei ständig das Verlangen, zu niesen, dieses unglaubliche Kitzeln in der Nase, bis ich es dann irgendwann nicht mehr spürte, und nur noch Hunger und Erschöpfung empfand. Meine Wanderung: Keine Abwechslung, eine unmenschliche, unwirkliche Wüste; die ganze Zeit über ein und das selbe Bild. Dabei schönster Sonnenschein, ab und zu eine frische Brise, kleine, harmlose Sand- oder vielmehr Staubstürme, und dieser graubraune, eigentlich farblose, dünne Staub, der sich zugleich sehr schwer und sehr trocken anfühlte, bis zum Horizont. Kein Regen mehr, nie mehr. Vielleicht haben andere überlebt. Ich starb nach den zwei Tagen Wanderung inmitten der Staubwüste, ohne wieder ein Lebens-zeichen irgend eines anderen Lebewesens gefunden zu haben. Schon zu schwach, weiterzugehen, warf ich wie hysterisch mit den Händen diesen Staub zur Seite, versuchte, ein Loch zu graben, getrieben von der vagen Hoffnung, unter dem Staub etwas zu finden, das mir hilfreich sein konnte, das mir zumindest eine Lösung für dieses Rätsel mitzuteilen vermochte, wenigstens etwas anderes als das ewige tödliche Graubraun und die Ungewissheit. Und meine tiefe Traurigkeit. Aber nichts, nichts habe ich gefunden.
In meinen letzten Stunden - vielleicht waren es auch nur ein paar Minuten - muss ich dann wohl angefangen haben, zu halluzinieren. Jedenfalls erschienen mir plötzlich überall Aliens, wohl Forschungsteams oder dergleichen, die mit seltsamen, putzigen Gerätschaften Messungen vornahmen. Ich bildete mir ein, Geschnatter zu vernehmen, wieder die vertraut unvertrauten Geräusche in diesem zu erkennen, »Agnu« und »hrefde«. Und kurz bevor ich endgültig zusammenbrach, fiel mir schließlich doch noch ein, woran mich die Szene erinnerte: Vermessungsarbeiten, die ersten Schritten auf einer frischen Großbaustelle.
© 2000 Till Westermayer